
Von mikroskopisch kleinen Robotern, die in den Blutgefäßen des kranken
Menschen therapeutische Dienste aller Art verrichten, träumen
Science-Fiction-Autoren seit Jahrzehnten und Avantgardisten der New Economy seit
den Neunziger Jahren. Vereinzelt wurden und werden solche Nanopartikel
mittlerweile eingesetzt. So dienen etwa an der Charite Berlin winzige
Eisenpartikel der experimentellen Behandlung von Hirntumoren. Ins Nervengewebe
injiziert über stereotaktische Apparate werden diese drei bis zehn Nanometer
großen Eisenoxid-Teilchen im Wärmefeld einer Hyperthermiequelle zu Nanomagneten,
die die unselektiv applizierte Wärme gewebsspezifisch machen sollen. Im Großen
und Ganzen allerdings hat der postulierte Siegeszug der Nanotechnik in der
Medizin noch nicht begonnen.
Zellen im Schutzrock - Nanokapseln verhindern
Immunreaktion
Das könnte sich bald ändern. Denn was der Forscherin und Biotechnikerin Tejal
Desai aus Chicago jetzt gelang, dürfte einigen älteren SF-Autoren Tränen der
Rührung in die Augen treiben. Desai, die am Cellular Microtechnology Laboratory
der Universität Illinois in Chicago arbeitet, hat ein neues Verfahren zur
Therapie der Zuckerkrankheit entwickelt: Sie bringt insulinproduzierende Zellen
aus der Bauchspeicheldrüse direkt in die Blutbahn ein, wo sie dann in
Abhängigkeit von der jeweiligen Stoffwechsellage das lebensnotwendige Hormon
produzieren können. Was einfach klingt, scheiterte in praxi bislang daran, dass
sich Lebewesen nicht all zu gerne fremde Stoffe - etwa Zellen einer fremden
Bauchspeicheldrüse - in die Blutbahn spritzen lassen. Das Immunsystem macht
solchen Fremdkörpern schnell den Garaus. Desai begegnet diesem Problem, indem
sie die Zellen in einen wenige Mikrometer großen Käfig aus Silikon sperrt.
Dieser Käfig besitzt zahlreiche, etwa sieben Nanometer große Poren. Sie sind
gerade so groß, dass die für das Überleben der Hormonzellen lebensnotwendigen
Substanzen (vor allem Sauerstoff, Zucker, Natrium und Kalium) die Silikonmembran
passieren können. Auch das von Zellen erzeugte Insulin gelangt durch die Poren
hindurch. Antikörper dagegen, die zur Vernichtung der Zellen führen würden,
bleiben außen vor.
Einmal appliziert, treiben die Kapseln ewiglich im
Blut
Der Charme der Behandlung besteht darin, dass es sich bei den Nanokapseln um
eine Dauertherapie handelt. Einmal injiziert bleiben die Silikonkäfige im
Körper, "für immer", wie Desai betont. Wenn die Poren nicht verstopfen und die
Zellen am Leben bleiben, wäre demnach eine Kausaltherapie der Zuckerkrankheit
gefunden. Dass das Verfahren tatsächlich funktioniert, konnte Desai an
zuckerkranken Ratten zeigen. Im Beobachtungszeitraum von einigen Wochen traten
bei mit den schwimmenden Insulinkanonen ausgestatteten Tieren keine
Auffälligkeiten im Zuckerstoffwechsel mehr auf. Nach Optimierung der Porengröße
und -länge will Desai als nächstes Langzeitstudien durchführen, zunächst erneut
an Ratten, danach an Schimpansen und schließlich an Menschen.